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Erinnerungen an meine Kindheit in Kürnach

Marzelina, Jahrgang 1927


Mein Name ist Marzelina, genannt „Marlene“, und ich wurde 1927 in Kürnach geboren. Meine Mutter verstarb sehr jung im Alter von 25 Jahren, als ich fünf Jahre alt war. Ich hatte zwei Brüder: Erwin war ein Jahr älter als ich und Edgar war vier Jahre jünger. Mein Vater war Schlosser und auf der Maschinenbauschule; als Witwer hatte er keinen leichten Stand. Seine Eltern im Haus Sackgasse 68 (der heutigen Macksgasse) waren für die damalige Zeit mit ihren rund 70 Jahren auch schon ziemlich alt.

Ein halbes Jahr nach dem Tod meiner Mutter wurde mein Vater wegen staatsfeindlichen Aussagen gegenüber SA-Leuten in das Landesgerichtsgefängnis eingeliefert und in „Schutzhaft“ genommen (siehe auch Quelle: Dieter W. Rockenmaier; „Das Dritte Reich und Würzburg“). Zeitzeugen sagen, er war dort mehrere Tage eingesperrt. Nachdem er aber Witwer war und drei Kinder hatte, wurde er körperlich und seelisch angeschlagen entlassen. Den Weg zurück nach Kürnach musste er verletzt zu Fuß gehen. Es waren schwere Zeiten.

In Kürnach war eine Gastwirtin, die zwei Söhne hatte, aber kein Mädchen. Sie kannte unsere Situation und hätte mich gern zu sich geholt, aber mein Vater schickte mich für einige Monate zu meiner Tante nach Bad Reichenhall. Meine Brüder wurden eine zeitlang von der Verwandtschaft in Brück/Dettelbach aufgenommen.

1934 heiratete mein Vater zum zweiten Mal und ich konnte zurück nach „Körni“. Meine zweite Mutter, die vorher auf einem Bauernhof als Magd diente, war gut zu uns Kindern. Aus der zweiten Ehe meines Vaters entstanden noch einmal vier Kinder, also wurden wir sieben Geschwister. Mit Eltern und Großeltern waren es elf „Mäuler, die gestopft werden mussten“! Zuhause hatten wir zwei Geißen, Hühner, Stallhasen und Gänse. Ein Schwein hatten wir erst viel später. Kartoffeln, Geißmilch und Malzkaffee von Clemens Papst (…seine Mälzerei war in der Nähe…) waren die Grundnahrungsmittel bei uns. Fleisch gab es nur ganz selten. Das Essen war oft knapp. Wenn die größeren Bauern ihr Getreide im Hof mit der Dreschmaschine droschen, dann hat mein Vater oft mitgeholfen. Da gab es für Jung und Alt immer Arbeit und man half zusammen. Bei der Brotzeit gab es Wurschd (Wurst), Mousd (Most) aber auch andere Getränke und außerdem das berühmte „Maschinerbroad“. Das war eine Scheibe Brot mit „Bibberleskas“, Sirup oder auch Apfelgelee.

Meine Mutter hat mir immer kleena Gedichtli beigebracht. Eines Tages war in der Nachbarschaft „a Hachzi“ (eine Hochzeit) und meine Mutter hat mir „a schöans Klädla“ (ein schönes Kleidchen) ang´zouchen und dann bin ich rüber zum Brautpaar und hob ´mei Gedichtla
vorg´troch´n. Die Mutter der Braut empfing mich freundlich und führte mich in die Stub´n, wo das Brautpaar und die Gäste zusammen saßen.

 

Gedichtla:

Ich bin a klenns Mädla kurz und dick. Ich stell mich nein Eckla und wünsch Euch viel Glück.

An Houf voll Hönner, an Bouden voll Körner, a Stub´n voll Kinner, a Beadla Arwes, a Beadla Linsen und übers Jahr an kräftigen Prinzen. Das Brautpaar lebe hoch, dreimal hoch!

(Ich bin ein kleines Mädchen kurz und dick. Ich stell mich ins Eck und wünsch Euch viel Glück. Einen Hof voller Hühner, einen Dachboden voller Körner, eine Stube voll mit Kindern, ein Beetchen Erbsen ein Beetchen Linsen und übers Jahr einen kräftigen Prinzen. Das Brautpaar lebe hoch, dreimal hoch!)

Das Brautpaar und die Gäste haben sich sehr gefreut und ich war mächtig stolz auf meinen Vortrag. Die Braut sagte zu mir: „Das hast du schön gemacht, Marzelina!“ Sie gab mir eine Schüssel „Pfaffernüss“ (Plätzchen). Daheim wollte ich meine Plätzchen erst alleine essen, aber meine Geschwister haben nicht locker gelassen. Nach zehn Minuten war schließlich die Schüssel leer und alle waren zufrieden! Von meinen sechs Geschwistern lebt leider nur noch meine jüngste Schwester Gunda, die sich damals ganz besonders über die „Pfaffernüss“ gefreut hat. Garn denk i´ an die Zeit in Körni zurück, wie wir als Kinner auf´n „Ächrstamm“ (Eichenbaumstamm) bei den Wochners (Wagnerei) g´hockt worn, G´schichtli erzählt höm oder einfach Fangeles oder Versteckeles g´spielt höm.

 

Marzelina, Jahrgang 1927

Georg Gehring mit Enkel

Georg Gehring mit Enkel:

v. l. Edgar Gehring, Marzelina Gehring, Erwin Gehring (ca. 1935)